{"id":547,"date":"2021-02-20T21:18:00","date_gmt":"2021-02-20T21:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/raymundkaiser.de\/wp\/?p=547"},"modified":"2021-04-23T11:34:09","modified_gmt":"2021-04-23T11:34:09","slug":"malerei-wahrnehmen-malerei-lesen-tobias-gerstner-katalog-ueber-malen-galerie-januar-1993","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/malerei-wahrnehmen-malerei-lesen-tobias-gerstner-katalog-ueber-malen-galerie-januar-1993\/","title":{"rendered":"Malerei wahrnehmen \u2013 Malerei lesen | Tobias Gerstner | galerie januar, 1993"},"content":{"rendered":"<p><strong class=\"headblack\">Malerei wahrnehmen \u2013 Malerei lesen<\/strong> | Tobias Gerstner | <a href=\"https:\/\/raymundkaiser.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Kat_januar.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Katalog <em>\u00fcber malen<\/em><\/a>&nbsp;|&nbsp;galerie januar, 1993<\/p>\n<p>Der k\u00fcnstlerische Ansatz von Raymund Kaiser ist analytisch. Der Ausgangspunkt seiner Untersuchungen ist immer die Malerei. Die Ergebnisse seiner k\u00fcnstlerischen Untersuchungen sind Bilder, Wandobjekte und in neuester Zeit auch Installationen. Sie sind zwar noch deutlich auf dem Gebiet der Malerei anzusiedeln. Zugleich befragen sie jedoch auch genau die Randbereiche des Mediums. Sie untersuchen die Grenzen, an denen sich die Malerei \u00f6ffnet hin zum Wandobjekt, zur Fotografie, hin zum konkreten architektonischen Raum, aber auch hin zu einem intellektuellen, spekulativen Raum.<\/p>\n<p>Hinter dem k\u00fcnstlerischen Ansatz von Raymund Kaiser steht die Absicht, sich \u00fcber die Grenzbereiche des Mediums zu orientieren und sie mit den Techniken und Mitteln der Malerei auszumessen. Kunstwerke im Rahmen dieser Malerei sind keine blo\u00dfen Objekte, auf denen die Ergebnisse der k\u00fcnstlerischen Untersuchung zusammenfassend fixiert wurden. Es sind Objekte der Wahrnehmung, die es aufmerksam zu lesen gilt.<\/p>\n<p>Wahrnehmung ben\u00f6tigt Aufmerksamkeit: durch sie sind wir in der Lage, einen Sinneseindruck festzuhalten, aber auch den Wechsel der Sinneseindr\u00fccke zu registrieren. Insofern ist Wahrnehmung ein Vorgang, der, in der Zeit sich entfaltend, stets unsere geistigen F\u00e4higkeiten miteinbezieht und herausfordert: die F\u00e4higkeit zu erinnern, zu vergleichen, einzuordnen. Die sinnlichen und intellektuellen Erfahrungen, die an der Malerei Raymund Kaisers zu machen sind, b\u00fcndeln sich im Brennglas einer solchen aufmerksamen, reflektierenden Wahrnehmung und formen dabei den Text und Kontext, durch den die Objekte lesbar, verstehbar werden.<\/p>\n<p>So sind die Malereien Raymund Kaisers vom Farblichen her gesehn beispielsweise auf zwei unterschiedliche Formen der Wahrnehmung hin angelegt. Es sind Bilder der starken Wirkungen und zugleich Bilder der feinen Differenzen. Der Signalcharakter mancher Farben l\u00e4\u00dft sich einer Strategie der starken Wirkung zurechnen, die den Blick anzieht und das Bild zu einem Objekt werden l\u00e4\u00dft, dem man sich ann\u00e4hern will, um es genauer zu studieren. Ahnliches gilt f\u00fcr die \u2013 wenn auch subtiler sich zeigenden \u2013 Kontraste zwischen den zwei Farben auf einem Bild. Weil der Stimulus der plakativen Fernwirkung relativ stark ist, k\u00f6nnen auf den ersten Blick nur die gro\u00dfen Unterschiede wahrgenommen werden.<\/p>\n<p>N\u00e4hert man sich dem Bild, so schl\u00e4gt diese Art der Wahrnehmung in eine entgegengesetzte Form von Wahrnehmung um. Sie beruht auf der Tatsache, da\u00df unser Unterscheidungsverm\u00f6gen gr\u00f6\u00dfer wird, je feiner die Unterschiede sind. Gerade die nahsichtige Betrachtungsweise er\u00f6ffnet einen ungemein grossen Spielraum f\u00fcr die Entdeckung der ganzen Bandbreite von Differenzierungen, die sich aus Farbe, Farbauftrag und Lichteinfall ergeben.<\/p>\n<p>Dieses Umschlagen von der groben Fernwahrnehmung zu einer differenzierten Feinwahrnehmung ist eine Erfahrung, die der Betrachter \u2013 \u00fcber die Malerei \u2013 an sich selbst macht. An diese Erfahrungen lassen sich vielf\u00e4ltige \u00dcberlegungen kn\u00fcpfen, wie die Malerei Raymund Kaisers zu lesen ist. Der Wechsel der Wahrnehmungsweisen f\u00fchrt beispielsweise vor Augen, da\u00df es die monochrome Fl\u00e4che eigentlich nicht gibt \u2013 zumindest nicht im Bereich des Materiellen. Zwar zitiert die plakative Fernwirkung der Bilder die Monochromie der Farbfl\u00e4chen herbei. Ihre differenzierte Nahwirkung l\u00e4st sie jedoch zugleich wieder auf. Die perfekte monochrome, einheitliche Farbfl\u00e4che ist nicht herstellbar, sondern nur denkbar. Als Objekte der Wahrnehmung werden die Bilder Raymund Kaisers so zu Objekten der Spekulation \u00fcber die materiellen und immateriellen Aspekte von Malerei.<\/p>\n<p>Auf einer anderen Ebene l\u00e4\u00dft sich \u00e4hnliches feststellen: Das Bild weist \u00fcber sich selbst hinaus, weil es einem au\u00dferhalb der Wahrnehmung liegenden Ganzen anzugeh\u00f6ren scheint. Das ergibt sich dadurch, da\u00df das Bild ein Fragment ist, da\u00df der ausgebrochene, unregelm\u00e4\u00dfig verlaufende Bildrand auf ein fehlendes Teil hinweist. Das Fragment betont als Bruchst\u00fcck einerseits die materielle Seite des Kunstwerkes, das Objekthafte des Bildes. Andererseits l\u00f6st der fragmentarische Charakter beim Betrachter auch die vage Vorstellung eines vollst\u00e4ndigen Bildes aus. Verst\u00e4rkt wird dieser Eindruck dadurch, da\u00df die Malerei selbst nur ausschnitthaft ist: sie zeigt die Stelle, an der zwei Farbfelder aufeinandertreffen, bei manchen Arbeiten auch die Stelle, an der sich ein Farbfeld in ein anderes hineinschiebt. \u00dcber eine imagin\u00e4re Ausdehnung der Farbfelder \u00fcber die Bildbegrenzung hinaus l\u00e4\u00dft sich (nur) spekulieren.<\/p>\n<p>Raymund Kaiser verwendet nicht die traditionelle Leinwand als Bildtr\u00e4ger, sondern er malt auf Spanplatten, auf Karton oder Fotografien. Die Grundidee seiner Malerei besteht darin, eine Farbsituation herzustellen, die sich auf die Farbigkeit des Bildtr\u00e4gers bezieht, indem eine zweite Farbe ausgew\u00e4hlt und aufgetragen wird. Bei den meisten neuen Arbeiten ist der Farbkontrast eher subtil, wodurch die Art und Weise des Farbauftrages st\u00e4rker zur Geltung kommen kann. H\u00e4ufig wird die Farbsubstanz mit dem Spachtel verstrichen, um so ihre materielle Wirkung zu steigern. Andererseits besitzt der Farbauftrag auch einen gewissen Ausdruckswert. Er verweist auf den Malvorgang. An ihm l\u00e4\u00dft sich die ruhige Bewegung der Hand, die Konzentration w\u00e4hrend des Malens ablesen.<\/p>\n<p>Die Wahl der Bildtr\u00e4ger, aber auch die emotionale Zur\u00fcckhaltung beim Farbauftrag lassen sich als Gesten verstehen, die einen Bezug zur allt\u00e4glichen Lebens- und Erfahrungswelt aufnehmen. Es baut sich auch ein Bezug zu bestimmten k\u00fcnstlerischen Str\u00f6mungen der Moderne auf. Ich denke an die durchaus \u201aminimalistisch\u2018 anmutende Strenge der Arbeiten, die sich durch die harten Linien ergibt, mit der die Farbfl\u00e4chen aufeinandersto\u00dfen \u2013 minimalistisch nicht im Sinne eines Zitates, sondern als Reminiszens, die sich aus dem analytischen Ansatz des K\u00fcnstlers ergibt. Der Farbauftrag verleiht der Bildoberfl\u00e4che manchmal eine fast reliefartige Beschaffenheit. Besonders ausgepr\u00e4gt finden sich solche reliefartigen Oberfl\u00e4chen bei den Foto\u00fcbermalungen. Auf ihnen wird das einfallende Licht sehr stark reflektiert. \u00dcber das Licht, das nicht dem Bild selbst angeh\u00f6rt, sondern der jeweiligen Umgebung, nimmt die Malerei eine sensible Beziehung zum Raum auf. Bedeutungsvoll sind diese Lichteffekte auch, weil sie sich bei den Foto\u00fcbermalungen in Kontrast setzen zur Oberfl\u00e4che der Schwarz-Wei\u00df Fotografie. Damit hat Raymund Kaiser ein Thema aufgenommen, das inzwischen zahlreiche k\u00fcnstlerische Formulierungen kennt: die Beziehung zwischen Malerei und Fotografie. Manche der Foto\u00fcbermalungen bringen gerade die Frage nach dem Licht in der Malerei und in der Fotografie mit einer pr\u00e4gnanten und exakten Formulierung auf den Punkt: die Fotografie speichert Licht auf fotochemische Weise und bildet es ab. Die Malerei kann Licht zwar ebenfalls durch helle und dunkle Farbwerte abbilden. Sie verf\u00fcgt aber auch \u00fcber die M\u00f6glichkeit, das Licht auf sehr kalkulierte Weise direkt auf der Oberfl\u00e4che einzufangen und es zu reflektieren.<\/p>\n<p>Das Spannungsverh\u00e4ltnis, das sich zwischen der Malerei und dem jeweiligen architektonischen Umfeld aufbaut, wird in den Installationen, die seit neuester Zeit entstehen, ganz unmittelbar thematisiert. Hier \u00f6ffnet sich die Malerei weitgehend dem dreidimensionalen Raum. Die Wand selbst ist als Farbtr\u00e4ger integriert. Auf ihr wird Farbe direkt aufgemalt, und vor diese Farbfl\u00e4che wird eine monochrome Farbtafel geh\u00e4ngt, die eine Farbsituation erzeugt, die nun nicht mehr an eine gemeinsame zweidimensionale Fl\u00e4che gebunden, sondern auf zwei r\u00e4umlich getrennte Ebenen verteilt ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Malerei wahrnehmen \u2013 Malerei lesen | Tobias Gerstner | Katalog \u00fcber malen&nbsp;|&nbsp;galerie januar, 1993 Der k\u00fcnstlerische Ansatz von Raymund Kaiser [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"template-page-builder.php","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-547","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"fr","enabled_languages":["de","en","fr"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false},"fr":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=547"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1162,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547\/revisions\/1162"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}