{"id":545,"date":"2021-02-20T21:17:06","date_gmt":"2021-02-20T21:17:06","guid":{"rendered":"https:\/\/raymundkaiser.de\/wp\/?p=545"},"modified":"2021-04-23T11:34:31","modified_gmt":"2021-04-23T11:34:31","slug":"ueber-malen-ute-dreckmann-katalog-ueber-malen-galerie-januar-1993","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/ueber-malen-ute-dreckmann-katalog-ueber-malen-galerie-januar-1993\/","title":{"rendered":"\u00fcber malen | Ute Dreckmann | galerie januar, 1993"},"content":{"rendered":"<p><strong class=\"headblack\">\u00fcber malen<\/strong> | Ute Dreckmann | <a href=\"https:\/\/raymundkaiser.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Kat_januar.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Katalog <em>\u00fcber malen<\/em><\/a>&nbsp;| galerie januar, 1993<\/p>\n<p>Raymund Kaiser ist Maler. Sein k\u00fcnstlerisches Thema ist die Malerei als Proze\u00df. Malerei ist das Auftragen von Farbe auf einen daf\u00fcr vorgesehenden bzw. vorbereiteten Bildtr\u00e4ger mittels eines dazu geeigneten Werkzeugs. Thematisiert wird die Farbe in ihrer physischen Beschaffenheit wie in ihrer psychischen Wirkung. Farbe evoziert Raum, Licht und Bewegung.<\/p>\n<p>Obwohl diese knappe Definition dem erstmals 1913 von Kasemir Malewitsch aufgestellten Postulat einer reinen, d.h. von der gegenst\u00e4ndlichen Welt befreiten Malerei sehr nahe kommt, stehen die auf eben diesen Grunds\u00e4tzen basierenden Arbeiten Raymund Kaisers nicht in dieser Tradition. Kaiser interessiert die Malerei nicht nur als k\u00fcnstlerischer Ausdruckstr\u00e4ger, sein Augenmerk liegt ebenso auf ihrer Wesenhaftigkeit.<\/p>\n<p>Das Auftragen von Farbe setzt einen \u2013 wie auch immer gearteten \u2013 Untergrund voraus. Bei Raymund Kaiser sind das vorzugsweise Spanplatten und Fotos, seltener Papier. Bei den neuesten Arbeiten bezieht er direkt die Wand mit ein. Die Spanplatten bringt Kaiser durch Brechen oder Rei\u00dfen auf das gew\u00fcnschte Format. Mindestens eine Seite dieser Bildtr\u00e4ger wird davon ausgenommen, bleibt also glatt. Zuweilen findet Kaiser die Platten so wie er sie w\u00fcnscht. Dann verwendet er sie unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Auf die Spanplatten tr\u00e4gt Kaiser mit lockerer Pinself\u00fchrung in einer d\u00fcnnen lasierenden Schicht eine Grundierung in neutralen grauen oder br\u00e4unlichen T\u00f6nen auf oder eine Farbe, die innerhalb des Farbspektrums ein paar Nuancen neben der anvisierten Hauptfarbe der \u00dcbermalung liegt. Dabei achtet er darauf, da\u00df Grundierung, bzw. Grundfarbe und \u00dcbermalung jeweils eine k\u00fchle und eine warme Note haben. So liegt z.B. ein warmes Grau oder Gelb auf einer k\u00fchlgrauen Grundierung, ein warmes, kr\u00e4ftiges Orangegelb \u00fcberdeckt ein k\u00fchles Gelb oder ein warmes Rot ein k\u00fchles Violettrot.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu dem gestischen, d\u00fcnnfl\u00fcssigen Farbauftrag des Untergrundes geschieht die \u00dcbermalung mit Pinsel oder Spachtel m\u00f6glichst gleichm\u00e4\u00dfig mit Farbe von dichter, pastoser Konsistenz. Die obere Farbschicht bedeckt die Grund(Farb-)Fl\u00e4che nicht vollst\u00e4ndig. In jedem Fall bleibt diese auf einem schmaleren oder breiteren Randstreifen von der \u00dcbermalung ausgespart. Zuweilen \u00fcberdeckt die obere Farbschicht die Grundfarbe auch nur zur H\u00e4lfte. Immer bleiben die Arbeiten Raymund Kaisers auf maximal zwei Farben beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die sichtbaren (Rand-)Bereiche des Untergrundes immer mit mindestens einer rauhen (Rei\u00df-)Kante abschlie\u00dfen, vollzieht sich die \u00dcbermalung in den meisten F\u00e4llen in einem streng rechtwinkligen Geviert mit geraden Seiten. Eine Rei\u00dfkante ist hier sehr selten. Die Schnittstelle von \u00dcbermalung und Grund-(Farb-)Fl\u00e4che verl\u00e4uft hingegen immer in einer horizontalen oder vertikalen Geraden.<\/p>\n<p>Raymund Kaiser befestigt seine Bilder nicht direkt auf der Wand, sondern l\u00e4\u00dft sie mit Hilfe eines Abstandhalters in geringer Entfernung objekthaft vor der Wand schweben. Bei seinen neuesten Arbeiten liegt die r\u00e4umliche Trennung nicht mehr zwischen Bildtr\u00e4ger und Wand sondern zwischen der auch hier locker, ohne feste R\u00e4nder aufgetragenen (Farb-)Grundierung auf der Wand und der davorschwebenden scharfkantig rechtwinkligen Platte mit der monochromen \u201e\u00dcbermalung\u201c.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Skulptur, die aus sich heraus existiert, setzt Malerei immer einen Bildtr\u00e4ger voraus. Mit diesem Bildtr\u00e4ger kann die Farbe \u2013 je nach beider Beschaffenheit \u2013 verschiedene Verbindungen eingehen. Ein saugstarker Untergrund wird mit einer d\u00fcnnfl\u00fcssigen Farbe schnell verschmelzen. Es sei denn, eine Isolierschicht, die Grundierung, tritt dazwischen. Pastos aufgetragene Farben legen sich schichtartig auf den Grund und \u00fcberdecken ihn. Und die farblosen, fetthaltigen Substanzen der \u00d6lfarben durchtr\u00e4nken bei absorbierenden Gr\u00fcnden, wie Papier, nicht nur die bemalten Fl\u00e4chen, sondern laufen \u00fcber sie hinaus und umgeben die farbigen Bereiche kranzartig wie einen Hof.<\/p>\n<p>Malerei vollzieht sich \u2013 zeitlich wie r\u00e4umlich \u2013 in Schichten. Auf den Bildtr\u00e4ger wird die Grundierung aufgetragen, darauf folgen eine oder mehrere Farbauftr\u00e4ge. Malerei hat folglich nicht nur ein Vorher und ein Nachher sondern auch ein Oben, Unten und Dazwischen. Hier liegen die Ansatzpunkte f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Raymund Kaisers Arbeiten. Der bewu\u00dft zweideutige Titel der Ausstellung \u201e\u00fcber-malen\u201c l\u00e4\u00dft durch den geringen Abstand zwischen beiden W\u00e4rtern zwei Bedeutungen zu, die des thematischen Exkurses, und die rein verbale. Malen bedeutet immer ein Darunter \u00fcbermalen, einmal im Sinne von \u201e\u00fcber- bzw. bearbeiten\u201c, zum anderen im Sinne von \u201eden Untergrund \u00fcberdecken\u201c, ihn also unsichtbar machen.<\/p>\n<p>Letzteres wird besonders deutlich bei Kaisers \u00fcbermalten Fotos. Die pastos aufgetragene monochrome Farbschicht deckt das darunterliegende Foto blickdicht ab. Nur die von der Farbe ausgesparten gerissenen Randzonen lassen R\u00fcckschl\u00fcsse auf das Darunter zu. Einmal als Foto identifiziert, erweckt es Neugierde, den Wunsch zu wissen, was sich unter der deckenden Farbschicht verbirgt. Durch seinen abbildenden Charakter verweist das Foto auf die Wirklichkeit. Diesen Verweis \u00fcberdeckt Kaiser mit der \u201ekonkreten\u201c Farbe. Facit: Malerei liefert kein Abbild der gegenst\u00e4ndlichen Welt sondern beansprucht ihre Existenz aus sich heraus.<\/p>\n<p>Bei den Arbeiten auf Spanplatte klingt eher das Proze\u00dfhafte der Malerei an im Sinne eines Aufbaus aus verschiedenen Schichten und Ebenen, die schlie\u00dflich das Gesamtbild ergeben. Die von der \u00dcbermalung ausgesparten (Rand-)Bereiche der Arbeiten \u00f6ffnen die Bilder in mehrfacher Hinsicht. Sie dokumentieren das Darunter und gew\u00e4hren \u201eEinblicke\u201c Vergleichbar mit einem Gegenstand, der nur unzureichend durch eine Abdeckung verh\u00fcllt ist, scheinen sie unter der \u00dcbermalung hervorzulugen. Der gestische Farbauftrag bzw. die schwarzwei\u00df T\u00f6ne der Fotos strukturieren den Untergrund in hellere und dunklere Zonen, die den Eindruck von R\u00e4umlichkeit erzeugen. Die gerissenen R\u00e4nder \u00f6ffnen die Malfl\u00e4che in den Raum und in die Fl\u00e4che. Indem sie einen Ausschnittcharakter illusionieren, wird das Bild als sich fortsetzend vorstellbar. Die rauhe Struktur der Rei\u00dfkanten verleiht den Bildern objekthafte Dreidimensionalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Bei den neuen Arbeiten, bei denen die (Farb-)Grundierung direkt auf der Wand liegt, bleibt der grenz\u00fcberschreitende Charakter erhalten. Dennoch wirken die Arbeiten in sich geschlossener. Der nicht fest umrissene, lockere Farbauftrag der Grundierung entspricht zwar in etwa den Rei\u00dfkanten, doch das Ausschnitthafte entf\u00e4llt. Durch das direkte Einbeziehen der Wand erhalten sie statt dessen mehr Tiefe. Die \u201eGrundierung\u201c der davorschwebenden \u201e\u00dcbermalung wird jetzt gleichzeitig zur \u201e\u00dcbermalung\u201c der darunterliegenden Wand. Es findet also auch hier eine \u201eGrenz\u00fcberschreitung\u201c statt.<\/p>\n<p>Diesem \u201eoffenen\u201c Charakter des Bild\u00e4usseren steht innerbildlich das scharfkantig umrissene Geviert der \u00dcbermalung, zumindest aber eine exakt geradlinige Schnittkante zwischen \u00dcbermalung und Grund-(Farb-)Fl\u00e4che gegen\u00fcber. Diese Schnittstellen symbolisieren das Prinzip des Dualismus in der Malerei von Raymund Kaiser. Seine Arbeiten sind sowohl Bilder als auch Objekte. Sie sind r\u00e4umlich und fl\u00e4chig. Sie stellen warm gegen kalt (vice versa) und rauh gegen glatt. Sie verh\u00fcllen und zeigen dennoch \u201eEinblicke\u201c. Sie sind exakt begrenzt und dennoch \u201egrenzenlos\u201c. Sie sind subjektiv wie objektiv. Sie vereinen Planung und Zufall, Ordnung und Chaos. Diese Gegens\u00e4tzlichkeit in der Einheit und ihre Vielschichtigkeit verleihen den Bildern von Raymund Kaiser etwas Wesenhaftes, das weit \u00fcber die Arbeiten selbst hinausweist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00fcber malen | Ute Dreckmann | Katalog \u00fcber malen&nbsp;| galerie januar, 1993 Raymund Kaiser ist Maler. 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