{"id":417,"date":"2021-02-16T21:06:48","date_gmt":"2021-02-16T21:06:48","guid":{"rendered":"https:\/\/raymundkaiser.de\/wp\/?p=417"},"modified":"2021-02-20T22:20:53","modified_gmt":"2021-02-20T22:20:53","slug":"kunstforum-international-sabine-elsa-mueller-reflect-raymund-kaiser-und-rainer-splitt-mmiii-kunstverein-moenchengladbach-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/kunstforum-international-sabine-elsa-mueller-reflect-raymund-kaiser-und-rainer-splitt-mmiii-kunstverein-moenchengladbach-2013\/","title":{"rendered":"Kunstforum International, Sabine Elsa M\u00fcller: #reflect, Raymund Kaiser und Rainer Splitt, MMIII Kunstverein M\u00f6nchengladbach, 2013"},"content":{"rendered":"<p><strong class=\"headblack\">Kunstforum International<\/strong> BAND 223, 2013, AUSSTELLUNGEN: S. 319 | Sabine Elsa M\u00fcller<br \/>\n<strong><em>#reflect <\/em><\/strong>Raymund Kaiser und Rainer Splitt, MMIII Kunstverein M\u00f6nchengladbach, 25.5. \u2013 8.9.2013<\/p>\n<p>Wenn sich zwei K\u00fcnstler zu einer Doppelausstellung zusammentun, ist das immer eine heikle Sache. Die beiden Positionen sollen sich nicht gegenseitig die Schau stehlen, aber es wirkt auch entt\u00e4uschend, wenn sie kaum etwas miteinander zu tun haben. Damit aus dem Doppel etwas Drittes, Neues entsteht, braucht es schon ebenb\u00fcrtige Charaktere, die darin eine besondere Herausforderung erkennen.<\/p>\n<p>Raymund Kaiser (geb. 1955) und Rainer Splitt (geb. 1963) haben sich dieser Herausforderung gestellt. Sie arbeiten nicht nur mit \u00e4hnlichen Stilmitteln, in der M\u00f6nchengladbacher Ausstellung entschieden sie sich auch farblich f\u00fcr eine Angleichung: Ihre Farbskala konzentriert sich auf einen mittleren Graubereich. Damit passen sie sich der neutralen Farbgebung der zur Ausstellungshalle umfunktionierten Industriearchitektur an, anstatt ihr etwas entgegenzusetzen. Der erste Eindruck ist gelinde gesagt verbl\u00fcffend, ob der augenf\u00e4lligen chromatischen Askese. Es wird aber schnell deutlich, zu wessen Gunsten diese zur\u00fcckgenommene Eigenpr\u00e4senz in Kauf genommen wird: Ihre jeweiligen Hauptwerke stehen ganz im Dienste einer au\u00dferhalb ihrer selbst liegenden Realit\u00e4t. Sie stellen sich nicht selbst aus, sondern den sie umgebenden Raum mitsamt den darin anwesenden Besuchern. In ihren hochgl\u00e4nzenden und spiegelnden Oberfl\u00e4chen begegnen wir uns selbst als selbstverst\u00e4ndlicher Bestandteil der Ausstellungssituation.<\/p>\n<p>Die untere Ausstellungsebene wird von einem der typischen Farbg\u00fcsse Rainer Splitts beherrscht. Hochgl\u00e4nzendes, selbsth\u00e4rtendes Polyurethan, mit grauem Pigment eingef\u00e4rbt, wurde sehr behutsam an der Wand entlang ausgegossen, so dass sich eine exakte Linie bildet. Die Farbe scheint sich von dieser geraden Linie aus wie unter der Wand hindurch regelrecht in den Raum hineinzufressen. Sie bedeckt einen gro\u00dfen Teil des Bodens, betont aber auch die begrenzende Wand, zu der sie gleichzeitig eine un\u00fcberwindliche Distanz schafft. Der Blick wird zur leeren Wand geleitet, bis er schlie\u00dflich ganz unten am Boden f\u00fcndig wird, in dem sich genau diese Wand spiegelt. Die Wand stellt nichts aus, sie wird ausgestellt. Gleichwohl ver\u00e4ndert sich das Bild je nach der Position des Besuchers und je nach Tageszeit und Lichteinfall. Einmal spiegeln sich der Raum und die Oberlichter, dann wieder der Betrachter selbst, oder die Fl\u00e4che liegt im Schatten, dunkel und unergr\u00fcndlich. Durch die farbliche Anpassung an das Grau des Estrichs liegt die Assoziation einer Wasser- oder \u00d6llache nahe \u2013 dagegen spricht aber wiederum der seltsam zerkl\u00fcftet auslappende Rand. Allein dieses Detail l\u00e4sst bei der Betrachtung auf eine z\u00e4he, langsam flie\u00dfende Masse schlie\u00dfen. In der Erstarrung hat sich die Langsamkeit des Flie\u00dfens unmittelbar eingepr\u00e4gt, so dass man nicht ganz sicher sein kann, ob sich diese Farbzungen nicht doch unmerklich und unaufhaltsam weiter vorschieben werden.<\/p>\n<p>Die Antwort auf diese im wahrsten Sinne unterschwellig wirksame Bodenarbeit findet sich eine Etage h\u00f6her. Auf der Empore bedeckt Raymund Kaisers Arbeit #reflect \u2013 die der gesamten Ausstellung den Titel leiht \u2013 mit den Ma\u00dfen 291 x 1360 cm fast die gesamte Wandfl\u00e4che. Man glaubt sich im ersten Moment einer Spiegelwand gegen\u00fcber, bis sich zeigt, dass die Oberfl\u00e4chen nur ein verschwommenes, unklares Bild zur\u00fcckwerfen. Kaiser verwendet normierte Spiegelkartons aus dem Baumarkt, die er zur Fl\u00e4che zusammensetzt, nachdem er einige der insgesamt 60 Platten mit silberfarbenem Lackmarker malerisch behandelt hat. Das trashige Material verstr\u00f6mt in Verbindung mit den bewegt und ungleichm\u00e4\u00dfig sich darauf ausbreitenden Malschichten einen ganz eigenen Charme zwischen billiger Massenware und erhabenem Silberglanz. Die Einbeziehung des Au\u00dfenraums erweist sich als so gro\u00dffl\u00e4chig wie eingeschr\u00e4nkt. Nahsicht und ein Sich-Verlieren im illusionistischen Tiefenraum wechseln beim Abschreiten der Wand, beim sich ihr N\u00e4hern wie auch sich von ihr Entfernen. Entgegenkommende \u00d6ffnung und Abgrenzung geh\u00f6ren hier untrennbar zusammen.<\/p>\n<p>Kaiser \u00fcbersetzt in dieser Installation die Fragestellungen seiner Tafelbilder, in denen er mit \u00d6l und Lack auf MDF arbeitet, in den Raum. Die \u201ezugemalten\u201c Inseln aus Lackmarker heben sich von dem gespiegelten Tiefenraum deutlich ab, verbinden sich aber gleichzeitig mit dessen Farbatmosph\u00e4re zu einem reizvollen Wechselspiel nah beieinander liegender Farbnuancen. Durch die Empfindlichkeit der Spiegelfelder gegen\u00fcber Ver\u00e4nderungen im Raum k\u00f6nnen sich aber ebenso unvermutete starke Kontraste in Farbigkeit und Lichtintensit\u00e4t ergeben, die aus dem \u00c4hnlichen etwas v\u00f6llig Verschiedenes und aus dem statischen Bild eine sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernde, ungreifbare Illusion machen. Das Bild pr\u00e4sentiert sich selbst als illusionistische Reflexion des Betrachters.<\/p>\n<p>Der ma\u00dfgebliche Anteil des Betrachters kommt in dieser Ausstellung so deutlich wie selten zu Bewusstsein, dadurch, dass er einerseits in eine Distanz zum Werk gesetzt wird und sich andererseits aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder selbst als Teil des Werkes wahrnimmt. Neben diesem interaktiven Aspekt stellt die Aufl\u00f6sung der Grenzen zwischen Malerei und Skulptur eine weitere Herausforderung f\u00fcr den Betrachterstandpunkt dar. Nicht nur die beiden gro\u00dfen Installationen, auch erg\u00e4nzende Arbeiten wie die Gussboxen und die Paperpools Rainer Splitts meistern diesen Balanceakt zwischen, oder besser gesagt, au\u00dferhalb der Gattungen mit Bravour. Bei den Paperpools gie\u00dft Splitt Farbe in zu einer Schachtel gefaltetes Papier, gie\u00dft die Farbe wieder aus und entfaltet es wieder, so dass prozessuale plastische und malerische Spuren zur\u00fcckbleiben. Splitt lenkt den Blick auf die Farbe als Handlung und die Unterscheidungskriterien zwischen der Eigenfarbigkeit des Papiers und der des Farbgusses.<\/p>\n<p>Seit nunmehr zehn Jahren verfolgt der M\u00f6nchengladbacher Kunstverein MMIII sehr konsequent ein Programm, das sich der \u00d6ffnung der Kunst in den Raum und damit in die Sph\u00e4re des Betrachters verschrieben hat. In dieser weiteren hochspannenden Ausstellung wird wieder einmal deutlich, wie sehr sich eine fundierte und kontinuierliche kuratorische Betreuung im Ergebnis bezahlt machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kunstforum International BAND 223, 2013, AUSSTELLUNGEN: S. 319 | Sabine Elsa M\u00fcller #reflect Raymund Kaiser und Rainer Splitt, MMIII Kunstverein [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"template-page-builder.php","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-417","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"fr","enabled_languages":["de","en","fr"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false},"fr":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/417","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=417"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/417\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":586,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/417\/revisions\/586"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=417"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=417"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=417"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}