{"id":414,"date":"2021-02-16T21:02:48","date_gmt":"2021-02-16T21:02:48","guid":{"rendered":"https:\/\/raymundkaiser.de\/wp\/?p=414"},"modified":"2021-04-23T12:10:15","modified_gmt":"2021-04-23T12:10:15","slug":"uelfe_display-ein-neues-bild-der-landschaft-2014-sabine-elsa-mueller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/uelfe_display-ein-neues-bild-der-landschaft-2014-sabine-elsa-mueller\/","title":{"rendered":"UELFE_DISPLAY \u2013 Ein neues Bild der Landschaft, 2014 | Sabine Elsa M\u00fcller"},"content":{"rendered":"<p>UELFE_DISPLAY \u2013 <strong>Ein neues Bild der Landschaft<\/strong>, 2014 | Sabine Elsa M\u00fcller | <a href=\"https:\/\/raymundkaiser.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/RKaiser_UELFE_DISPLAY_web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Katalog<\/a><\/p>\n<p>Eine der beeindruckendsten Arbeiten auf der Documenta 13 in Kassel im Jahre 2012 war ein begehbares Landschaftspanorama, das den \u00fcber eine Galerie zug\u00e4nglichen ehemaligen Tresorraum einer Bank fast ganz ausf\u00fcllte. Die Britin Tacita Dean hatte die Berge rund um Kabul als dramatischen Schwarzwei\u00dfkontrast mit wei\u00dfer Kreide auf schwarzen Grund gezeichnet, der die Erhabenheit und vermeintliche Unber\u00fchrtheit der verschneiten Gipfel und tiefen T\u00e4ler noch betonte. Als Vorlage diente vom Hubschrauber aus aufgenommenes, stark besch\u00e4digtes Filmmaterial. Die Besch\u00e4digungen sorgten f\u00fcr abrupte Leerstellen inmitten der Illusion einer urspr\u00fcnglichen Natur. Das Schwarz schien sich immer weiter auszubreiten und die Landschaft allm\u00e4hlich auszul\u00f6schen.<\/p>\n<p>Wenn die Documenta 13 als eines ihrer Hauptanliegen die Neujustierung der Beziehung des Menschen zur Natur propagiert, reagiert sie damit auf einen unmittelbar aus der zeitgen\u00f6ssischen k\u00fcnstlerischen Praxis hergeleiteten Befund. Die alte Unterscheidung in Natur und Kultur macht den K\u00fcnstlern seit jeher zu schaffen; was Wunder, dass die unheilvolle Verquickung von Wirtschaft, \u00d6kologie und Politik gerade hier umso intensiver wahrgenommen wird. Ist es also wirklich \u00fcberraschend, dass in diesem Zusammenhang die Landschaft als Bildgegenstand wieder in das Gesichtsfeld ger\u00e4t? Die Landschaftsmalerei z\u00e4hlte einmal neben der Historienmalerei, der Allegorie, dem Portrait und dem Stillleben zu den Hauptgattungen der Malerei. Ja, man kann sagen, dass sie vor ihrem (vor\u00fcbergehenden) Verschwinden f\u00fcr die gro\u00dfen Kunstepochen von Impressionismus und Expressionismus \u2013 die schlie\u00dflich in die Abstraktion m\u00fcndeten \u2013 eine entscheidende Rolle spielte. Und Ende der 1960er Jahre, jenseits der Malerei, wurde mit der Land Art f\u00fcr die Landschaft sogar ein eigenes Genre erfunden.<\/p>\n<p>So ganz aus der Kunst verschwunden ist die Landschaft nie. Wir brauchen sie als Widerhall, als Projektions- und Reflexionsraum unseres Weltempfindens \u2013 des uns Verst\u00f6renden und Fremden ebenso wie unserer Sehns\u00fcchte und Hoffnungen. Sie spiegelt unsere Selbstwahrnehmung in der Welt. Zwischenzeitlich hat die Fotografie die Rolle der Landschaftsmalerei \u00fcbernommen, etwa in den fr\u00fchen, geradezu Friedrich\u00b4schen Landschaften von Andreas Gursky oder bei bedeutenden Vertretern aktueller Landschaftsfotografie wie Michael Reisch, Boris Becker oder Bernhard Fuchs. \u00dcber die Fotografie fand auch Gerhard Richter immer wieder zur\u00fcck zur Landschaft, ebenso wie David Hockney, der zwischen (digitaler) Zeichnung, Malerei und Film die Medien virtuos wechselt.<\/p>\n<p>Denn eine neue Landschaftsmalerei kann kaum bedeuten, dass dem Tross der bis in die hintersten Winkel eindringenden Freizeitaktivisten demn\u00e4chst die Maler mit zusammenklappbaren Staffeleien folgen werden, um die Pleinairmalerei der Impressionisten wieder aufleben zu lassen. Sie kann aber aus zwei Edelstahlspiegeln mit den Ma\u00dfen 320 x 175 cm aufgebaut sein, die mit 2-Komponenten-Lack beschichtet sind und, statt an der Wand zu h\u00e4ngen, \u00fcber dem Wasserspiegel eines Sees zu schweben scheinen. Raymund Kaisers UELFE_DISPLAY ist pure Landschaftsmalerei. Eine Malerei, die \u00fcber den flirrenden Augenblickseindruck des Impressionismus hinaus die Landschaft tats\u00e4chlich in ihrem tages- und jahreszeitlichen Wandel zeigt. Und die den Menschen nicht der Natur gegen\u00fcberstellt, sondern im Akt der Betrachtung in dieses Bild integriert. Am anderen Ende des gespiegelten Raumes erleben wir uns und andere Personen als Bestandteil der Landschaft. Wir bewegen uns in ihr als ebenso fl\u00fcchtige Erscheinungen wie die Landschaft selbst. Alles ist Bewegung, Ver\u00e4nderung und hat seinen Anteil an einem ewigen Kreislauf.<\/p>\n<p>Der Wechsel des Lichts und der (Farb-)Temperatur erscheinen auf dieser akzentuierten, rechteckig begrenzten Fl\u00e4che potenziert wie in einem Brennglas. Das tief in die spiegelnde Binnenfl\u00e4che eingetauchte Bild unterscheidet sich eklatant von der deckenden Farbschicht, die es wie einen Rahmen einfasst. Beide Farbebenen reagieren mit hoher Sensibilit\u00e4t auf das Licht, aber auf ganz unterschiedliche Weise, so dass je nach Einfallswinkel mal die eine, mal die andere Fl\u00e4che intensiv aufleuchtet bzw. dunkel verschattet. Dazu verh\u00e4lt sich die Spiegelung auf der Wasserfl\u00e4che ebenfalls nach ihren eigenen Gesetzen immer wieder anders.<\/p>\n<p>Nicht nur der See und die das Ufer s\u00e4umenden B\u00e4ume ver\u00e4ndern sich je nach Wetter, Tages- und Jahreszeit, auch der Farbspiegel bleibt sich niemals gleich. Mischen im Sommer und Herbst das Gr\u00fcn bzw. Gelb und Orange der B\u00e4ume in der Farbskala kr\u00e4ftig mit, so setzt sich im Winter und Fr\u00fchjahr der starke Pinkton gegen\u00fcber der fast farblosen Umgebung umso mehr ab. Bei Nebel oder in der schneebedeckten Landschaft leuchtet er wie ein w\u00e4rmendes Licht \u00fcber dem See. Dann drehen sich die Verh\u00e4ltnisse um, und, anstatt die Landschaft in sich aufzunehmen, f\u00e4rbt der starke Farbakzent auf die Landschaft ab: Der Naherholungsraum Uelfebad erh\u00e4lt ein pr\u00e4gnantes Identifikationsmerkmal, das ihn malerisch akzentuiert und vor \u00e4hnlichen Orten auszeichnet.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Kunst im \u00f6ffentlichen Raum oft beziehungslos und isoliert von ihrer Umgebung zu sein scheint, lebt UELFE_DISPLAY geradezu von der Begegnung. Es stellt das, was da ist, zur Disposition und lenkt den Blick auf dessen Lebendigkeit und Mannigfaltigkeit. Wie in einem Zauberspiegel entdecken wir unser Umfeld neu. Der zur\u00fcckgeworfene Eindruck ver\u00e4ndert sich st\u00e4ndig und fordert unsere Aufmerksamkeit heraus. Im spannungsvollen Dialog mit der Malerei wird der Lebensraum intensiver und spektakul\u00e4rer wahrgenommen, als wir es im Alltag gewohnt sind. Am Beispiel der Landschaft erfahren wir Realit\u00e4t als permanent sich wandelndes Beziehungsgeflecht zwischen Betrachter, Standpunkt und Perspektive.<\/p>\n<p>Der ma\u00dfgebliche Anteil des Betrachters bei der Wahrnehmung ist das Thema der Malerei von Raymund Kaiser. Ihre offene Struktur bietet reichlich Raum f\u00fcr die Interaktion zwischen Werk und Betrachter. Das Werk wird zum Partner. Es befindet sich auf derselben Ebene und ist denselben Einfl\u00fcssen ausgesetzt \u2013 dem Spiel des Lichts, den Formen, Farben und Energien des Raumes. Gleichzeitig geht es auf Distanz: Bei UELFE_DISPLAY geschieht dies einmal durch die Positionierung inmitten der Wasserfl\u00e4che, aber auch durch die Spiegelfl\u00e4che, die eher an einen Bildschirm erinnert als an die stoffliche Oberfl\u00e4che der Malerei. Diese Doppelgesichtigkeit in Form einer Einbeziehung des Au\u00dfenraums bei gleichzeitiger Verschlie\u00dfung der Oberfl\u00e4che ist auch f\u00fcr Kaisers Malerei mit \u00d6l und Lack auf Holz oder mit Permanentmarker auf Spiegelfolie oder Transparentpapier typisch.<\/p>\n<p>Bei den beiden tief im Grund des Sees verankerten Edelstahlspiegeln kommt noch etwas hinzu: Bei der Umrundung kippt die Fl\u00e4che weg und wir sehen nur noch das d\u00fcnne Profil der Platten. Das Bild verschwindet und zur\u00fcck bleibt die Apparatur einer Illusion. Oder es setzt sich Schnee auf der Oberfl\u00e4che der Spiegel ab, wodurch eine weitere Wirklichkeitsebene geschaffen wird, die zum Bild geh\u00f6rt, aber doch au\u00dferhalb des gespiegelten Illusionsraums bleibt. Magische Momente einer intensiv aufgl\u00fchenden Landschaftsvision wechseln mit dem lapidaren Eindruck der starren Konstruktion, die an Schilder oder Tafeln erinnert, wie sie in Naherholungsgebieten nicht selten sind. Dieser Gegenstand ist nicht fixierbar, er changiert zwischen Fl\u00e4che und Raum, Bild und Konstruktion, Kunst und irgendetwas anderem.<\/p>\n<p>Insofern liegt es im Auge des Betrachters, die visuellen Sensationen bewusst zu erleben, wenn sich die Landschaft im Farbspiegel in eine von Licht durchgl\u00fchte Atmosph\u00e4re taucht wie bei William Turner, im Glitzern und Flimmern der Reflexionen ein impressionistisches Verschmelzen von Licht und Farbe anhebt oder r\u00e4umliche und fl\u00e4chige Wirkungen in Einklang kommen wie bei Paul C\u00e9zanne. Laut einer These des Philosophen und Kunstkritikers Boris Groys verdankt sich das Neue weniger der Erfindung als der Umwertung. Die Innovation dieser neuen Landschaftsmalerei steckt in ihrem Verm\u00f6gen, die Subjektivit\u00e4t jeder Wahrnehmung \u2013 und damit unseren Begriff von Wirklichkeit \u2013 am Beispiel der Landschaft erfahrbar zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>UELFE_DISPLAY \u2013 Ein neues Bild der Landschaft, 2014 | Sabine Elsa M\u00fcller | Katalog Eine der beeindruckendsten Arbeiten auf der [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"template-page-builder.php","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-414","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"fr","enabled_languages":["de","en","fr"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false},"fr":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=414"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1185,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414\/revisions\/1185"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=414"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=414"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=414"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}