{"id":411,"date":"2021-02-16T21:00:01","date_gmt":"2021-02-16T21:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/raymundkaiser.de\/wp\/?p=411"},"modified":"2021-02-20T22:20:05","modified_gmt":"2021-02-20T22:20:05","slug":"im-bilde-sein-karin-stempel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/im-bilde-sein-karin-stempel\/","title":{"rendered":"Im Bilde Sein  |  Karin Stempel  |  Einf\u00fchrung zur Ausstellung &#8220;Gegenlicht&#8221;, St\u00e4dtische Galerie Borbeck, 2014"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Bilde Sein&nbsp;<\/strong>| Karin Stempel | Einf\u00fchrung zur Ausstellung &#8220;<em>Gegenlicht<\/em>&#8220;, St\u00e4dtische Galerie Borbeck, 2014<\/p>\n<p>\u201eIn unserer heutigen von Medien dominierten Gesellschaft scheint es immer wichtiger zu sein, dass man im Bilde ist.\u201c<\/p>\n<p>Im Bilde sein meint dabei \u2013 abweichend von der urspr\u00fcnglichen Bedeutung \u2013 eine gewisse Medienpr\u00e4senz zu haben, die die Teilhabe an bestimmten communities und social networks erm\u00f6glicht, deren Datenstr\u00f6me f\u00fcr die meisten von uns nicht nur zu einem festen Bestandteil der t\u00e4glichen Routine geworden sind, sondern geradezu als unverzichtbares Lebenselexier und Fluidum funktionieren.<\/p>\n<p>\u201eIm Bilde sein\u201c wird dabei zunehmend gleichbedeutend mit Sein, einem Sein, dass offensichtlich der Best\u00e4tigung durch das Bild bedarf, um wirklich zu sein. Was zuweilen manisch in einer narzistischen Selbstbespiegelung eskaliert \u2013 mit unabsehbaren Folgen \u2013, scheint mehr und mehr die einzige M\u00f6glichkeit zu sein, \u00fcberhaupt wahrgenommen zu werden \u2013 von anderen ebenso wie von sich selbst \u2013 und vielf\u00e4ltige gesellschaftliche Aktionen und Transaktionen wahrnehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als Bild zu sein, hei\u00dft also, sich selbst wahrnehmen zu k\u00f6nnen, selbst wahrgenommen zu werden und selbst anderes wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Sind wir damit im Bilde \u2013 oder sind wir damit nur im Netz \u2013 einem Netz, dass wir selbst ausgelegt haben, um uns unweigerlich darin zu verfangen?<\/p>\n<p>Auf alle F\u00e4lle befinden wir uns in einer Schwellensituation, in der das, was Bild hei\u00dft, einer gr\u00fcndlichen Hinterfragung bedarf und es m\u00f6glicherweise an der Zeit ist, neue Parameter daf\u00fcr zu entwickeln, was heute Bild ist oder Bild sein kann. Dass dies schon lange keine kunstimmanente Fragestellung ist, die sich nur f\u00fcr K\u00fcnstler, Kunsthistoriker oder Bildwissenschaftler stellt, sondern uns alle betrifft, ist, glaube ich, offensichtlich.<\/p>\n<p>Bild ist heute ganz wesentlich eine Schnittstelle, die nach beiden Seiten hin offen ist. Im Bild \u00f6ffnet sich uns ein Raum, um zu sein, aber unter Rahmenbedingungen, in denen unser Ausblick zugleich Einblick gibt \u2013 windows \u2013 nomen est omen \u2013 funktioniert eben in der Tat wie ein Fenster, das sich in den Raum hinein \u00f6ffnet und dabei gleichzeitig transparent ist. Doch was \u00f6ffnet sich wem und um welche Transparenz geht es dabei eigentlich \u2013 die vor dem Bildschirm oder die hinter dem Bildschirm und wer beobachtet wen oder was beobachtet uns?<\/p>\n<p>Sind sie im Bilde oder sind sie als Bild?<\/p>\n<p>Angesichts der Arbeiten von Raymund Kaiser erscheint diese Frage irrelevant, denn dabei sind sie immer als Bild im Bilde. Egal ob sie sich schon beim Betreten der Ausstellung in der grossen Wandinstallation immer wieder mit ihrem fl\u00fcchtigen Spiegelbild konfrontiert sahen oder ob ihnen beim Blick auf die Bilder immer wieder an irgendeiner Stelle ihr schemenhaftes Konterfei entgegenblickte \u2013 ihr Bild ist unumg\u00e4nglicher Bestandteil dieser Bilder, die sie nur dann wahrnehmen k\u00f6nnen, wenn sie sich gleichzeitig dabei selbst wahrnehmen \u2013 im Bild und als Bild.<\/p>\n<p>Raymund Kaisers Arbeiten sind im wahrsten Sinne des Wortes Reflektionen \u00fcber das, was Bild ist. Und indem er dabei das reflektierte Bild in seine Reflektionen einbezieht, stehen sich nicht nur Bild und Betrachter gegen\u00fcber, sondern zwei unterschiedliche Pr\u00e4senzen \u2013 das gespiegelte und das gemalte Bild, deren verschiedenartigen Projektionsr\u00e4ume sich durchkreuzen und ineinander brechen. Bei diesen Arbeiten ist der Betrachter nicht nur im Bild, sondern in ganz besonderem Ma\u00dfe gilt hier: \u201eWas wir sehen blickt uns an\u201c \u2013 so der Titel eines Buches von GEORGES DIDI Hubermann \u00fcber die Metapsychologie des Bildes.<\/p>\n<p>Was wir sehen blickt uns an \u2013 das Bild wird zu einem Gegen\u00fcber, dass in dem Ma\u00dfe wie wir in es eindringen, es in uns eindringt. Eigent\u00fcmliche Verschr\u00e4nkung von implodierender und explodierender N\u00e4he, die im Bild zum Stillstand kommt. Wie verlockend wie Alice durch den Spiegel zu gehen, in eine parallele Welt einzutreten, einer Welt des Imagin\u00e4ren, in der alles m\u00f6glich erscheint, wie verlockend sich ganz dem Zauber der schier grenzenlosen und so au\u00dfergew\u00f6hnlich delikaten Farbr\u00e4ume hinzugeben, in sie einzutauchen und ganz in ihnen aufzugehen. Doch in der abgr\u00fcndigen Tiefe dieser Brillianzen erkennen wir im durchscheinenden Grund uns selbst. Das reflektierte Bild wirft uns nicht nur auf uns selbst zur\u00fcck, sondern wirft gleichzeitig einen Schlagschatten auf die Untiefe des Imagin\u00e4ren, das pl\u00f6tzlich ganz k\u00f6rperlich und k\u00f6rperhaft die Illusion als Illusion erkennbar werden l\u00e4sst \u2013 als Gegenlicht.<\/p>\n<p>Etwas ist hier geschehen.<\/p>\n<p>Anl\u00e4\u00dflich einer raumbezogenen Arbeit von Raymund Kaiser habe ich vor vielen Jahren geschrieben: \u201eBild, das ist zun\u00e4chst einmal eine Farbfl\u00e4che, die sich aus unterschiedlichen Schichten, Untermalungen und Lasuren aufbaut, und stets in sich die beiden Seinsformen von Farbe in sich beinhaltet. Farbe ist K\u00f6rper und Haut, eine deckende Substanz, die alles in sich aufgenommen zu haben scheint und absorbiert, stumpf und in sich ruhend. Hermetisch in sich verschlossene Farbfl\u00e4chen wirken wie in sich versiegelt, ges\u00e4ttigt und wie raumlos \u2013 ganz bei sich.<br \/>\nDemgegen\u00fcber stehen in den meist in zwei Farbfelder unterteilten Arbeiten Fl\u00e4chen, in denen Farbe wie freigesetzt ist und sich im Raum zu verstrahlen scheint \u2013 ungebunden und wie schwerelos, gl\u00e4nzendes farbiges Licht, das nicht genau zu orten ist.\u201c<\/p>\n<p>Dies trifft sicher auch immer noch auf die Arbeiten von Raymund Kaiser zu, die sie in dieser Ausstellung sehen, auch wenn sich Bildtr\u00e4ger und Farbsubstanzen ver\u00e4ndert haben: Transparentpapier, Spiegelfolie, Spiegel \u2013 entstofflichte Bildtr\u00e4ger ohne jegliche Textur, offen und dennoch in sich verschlossen \u2013, Lackmarker, hochfl\u00fcssige Lacklasuren, die sich wie durchl\u00fcftet federleicht \u00fcbereinander legen, gegen\u00fcber w\u00e4chsernen Farbpasten, die z\u00e4hfl\u00fcssig mit der Rakelschiene aufgetragen, aus- und abbrechen, signalisieren eine neue Offenheit, indem dem Wechselspiel zwischen Planung und Zufall schon im Entstehungsprozess dieser Arbeiten eine bedeutende Rolle zukommt \u2013 bis zu dem Punkt, an dem dieses Agieren und Reagieren zum wesentlichen Merkmal des Entfaltungsprozesses der Arbeiten in Erscheinung tritt. Im Dialog mit dem Umfeld, dem Umraum, dem Betrachter wandeln sich die Arbeiten in einer unausgesetzten Metamorphose, in der die Gestaltung immer wieder aufs Neue eine neue Gestalt annimmt. Der entscheidende Unterschied ist, die Integration des reflektierten Bildes in das Bild.<\/p>\n<p>Etwas ist hier geschehen.<\/p>\n<p>Lichtstrahlen, die von spiegelnden Fl\u00e4chen zur\u00fcckgeworfen werden, Lichtstrahlen, die wie eingebettet der Farbmaterie verhaftet sind, versiegeln undurchdringbar die unerreichbare Ferne, die gleichwohl immer wieder in Erscheinung tritt \u2013 jedoch nicht als Bild, sondern als Erscheinung.<\/p>\n<p>Fl\u00fcchtig wie das Spiegelbild ist diese Ferne sowohl Leere als auch F\u00fclle. So wie der Spiegel unser Bild nicht festh\u00e4lt, sobald wir ihm nicht mehr gegen\u00fcber stehen, so erlischt die Dynamik der Farbr\u00e4ume in ihrer materiellen Bindung. Dem durchscheinenden Grund verhaftet, sind die Spiegel leer und blind.<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen sich selbst ein Bild davon machen \u2013 nur so wird es ihnen gelingen auch als Bild immer im Bilde zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Bilde Sein&nbsp;| Karin Stempel | Einf\u00fchrung zur Ausstellung &#8220;Gegenlicht&#8220;, St\u00e4dtische Galerie Borbeck, 2014 \u201eIn unserer heutigen von Medien dominierten [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"template-page-builder.php","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-411","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"fr","enabled_languages":["de","en","fr"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false},"fr":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/411","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=411"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/411\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":585,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/411\/revisions\/585"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=411"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=411"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=411"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}