{"id":1423,"date":"2022-01-14T13:43:34","date_gmt":"2022-01-14T13:43:34","guid":{"rendered":"https:\/\/raymundkaiser.de\/?p=1423"},"modified":"2022-01-14T13:44:51","modified_gmt":"2022-01-14T13:44:51","slug":"spiegel-flucht-reflexion-thomas-wallraff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/raymundkaiser.de\/fr\/spiegel-flucht-reflexion-thomas-wallraff\/","title":{"rendered":"Spiegel.Flucht.Reflexion \u2014 Thomas Wallraff"},"content":{"rendered":"<p><strong>Spiegel.Flucht.Reflexion<\/strong> \u2014 Thomas Wallraff | <a href=\"https:\/\/raymundkaiser.de\/gegenlicht\/\">Katalog GEGENLICHT, MAM Kunstverein, 2021<\/a><\/p>\n<p>Ein auditives Spiegelkabinett \u2013 eine visuelle Echokammer. Erdacht und geschaffen von Raymund Kaiser, mit Klang und Komposition erf\u00fcllt durch Stefan Thomas. Der Titel: Fluchten. \u201aFlucht\u2018 in ihrer sekund\u00e4ren Bedeutungsdimension als gerade, nicht unterbrochene Linie, in der beispielsweise Innenr\u00e4ume aneinandergereiht sind. Der Plural \u201aFluchten\u2018 wird angewandt, da f\u00fcr diese Rauminstallation die symmetrische Vervielf\u00e4ltigung von Bild und Raum durch Spiegelung konstituierend ist.<\/p>\n<p>Ein in den Raum gestellter Raum: Raum hinter dem Raum, Raum vor dem Raum, Raum neben dem Raum, Raum unter dem Raum, sich nach oben hin \u00f6ffnender und zugleich von allen Seiten umschlossener Raum. Es ist ein Raum, der sich erst einmal umgehen l\u00e4sst, von au\u00dfen betrachtet eine kubische Skulptur. Doch bezeichnete das griechische Ursprungswort \u201ak\u00fdbos\u2018 zun\u00e4chst gar nicht den W\u00fcrfel selbst, sondern die \u201aH\u00f6hlung\u2018, das \u201aAuge\u2018 auf dem W\u00fcrfel. Und auch hier sind die H\u00f6hlung (der Raum) und das Auge (das Sehen, die Wahrnehmung) das Wesentliche. Dabei wird schnell deutlich, dass dieser Bildraum oder dieses Raumbild auf Innensicht hin angelegt ist. Zum einen wird das Publikum von den aus dem Inneren dringenden Worten und Kl\u00e4ngen hineingezogen, zum anderen vermitteln das von au\u00dfen sichtbare, roh gezimmerte Holzger\u00fcst und die darin eingeh\u00e4ngten, r\u00fcckseitig konstruktionstechnisch beschrifteten Paneele den durchaus richtigen Eindruck, sich hinter den Kulissen zu befinden. Schau und Spiel \u2013 mithin das Eigentliche \u2013 ereignen sich offenkundig im Inneren.<\/p>\n<p>Im Inneren ist alles verspiegelt, selbst der Boden unter den F\u00fc\u00dfen, nur die Decke bleibt ausgespart. Nach oben hin kann man sich der Reflexion entziehen, und auch ein Deus ex Machina h\u00e4tte notfalls die M\u00f6glichkeit des Eingreifens. Alles ist hier klar und licht und hell. Perfekte Symmetrie. Das absolute Gegenteil der platonischen H\u00f6hle. Dort, im Halbdunkel, auf unebenen W\u00e4nden flackernde Schatten \u2013 Verwirrung und Trug. Hier kristallene Klarheit in geometrischer Ordnung \u2013 Aufkl\u00e4rung und Erkenntnis. Von au\u00dfen Skulptur, inwendig begehbarer Bildraum, begehbares Raumbild. Aber eben auch noch etwas anderes Weiteres, n\u00e4mlich ein Ort der Betrachtung, Reflexion, sogar der Kontemplation. <i>Reflexion<\/i> ist ein Begriff von ausgepr\u00e4gter Ambiguit\u00e4t. Auf der einen Seite \u2013 der objektiv-physischen, der tats\u00e4chlichen \u2013 bezeichnet die Vokabel das Ph\u00e4nomen der Widerspiegelung von Strahlen oder Wellen, auf der anderen \u2013 der subjektiv-psychischen oder metaphorischen \u2013 das Nachdenken <i>\u00fcber<\/i> oder die pr\u00fcfende Betrachtung <i>von<\/i> Dingen, Ereignissen, Wesen. Das Instrument der Reflexion ist der Spiegel. Und auch das in doppeltem oder gespiegeltem Sinne, objektiv als lichtreflektierender Spiegel oder metaphorisch als Spiegel der gedanklichen Reflexion, als spiegelnde Fl\u00e4che oder Raum des Denkens, als Reflex oder Reflexion. Mannigfach die Erscheinungsformen des Spiegels, zwiesp\u00e4ltig sein Ruf. Manche sehen in ihm einen absolut unbestechlichen Richter, andere wiederum halten ihn f\u00fcr den wichtigsten Komplizen der Eitelkeit. Wahrscheinlich tr\u00e4gt er die Bef\u00e4higung zu beidem in sich, je nachdem, wer oder wie man in ihn hineinsieht. Es gibt praktische Taschenspiegel und riesige Parabolspiegel, mit denen in ferne Vergangenheiten zur\u00fcckgeblickt wird; es gibt die obsolete Jahrmarktsattraktion des Zerrspiegels, der durch verfremdende \u00dcberzeichnung belustigt, und den Narrenspiegel, den sich jeder veritable Souver\u00e4n vorhalten l\u00e4sst, denn er wei\u00df, im Lachen \u00fcber sich selbst liegt die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Freiheit. Doch ganz gleich, um welche Art von Spiegel es sich handelt, sie alle sind K\u00fcnder der Wahrheit. Man muss nur bereit sein, sich ihnen zu stellen. Sp\u00e4testens seit der Antike wird die Wahrheit mit dem Sch\u00f6nen und Guten, auch dem Wohltuenden, konnotiert. Aber es existiert zweifellos auch ein \u00dcberma\u00df an Wahrheit, Licht und Klarheit. An diesem Punkt schl\u00e4gt das Wahre in das Grausame und das Sch\u00f6ne in das Schreckliche um. Kommt man der Sonne, dem Ur-Symbol der Wahrheit, zu nahe, verbrennen die Fl\u00fcgel und der Sturz in die Tiefe ist unabwendbar. Ein Zuviel an Licht blendet oder f\u00fchrt gar zur Erblindung. Und dem wahrhaft Schrecklichen im Antlitz der Medusa konnte Perseus nur begegnen, indem er ihr nicht direkt ins Gesicht, sondern nur auf ihr Abbild in seinem verspiegelten Schild blickte. Auch wird ihr eigener Anblick im Spiegel seines Schildes sie geschw\u00e4cht und seinen Sieg beg\u00fcnstigt haben.<\/p>\n<p>Spiegel und Bild, wie auch ihr Kompositum \u201aSpiegelbild\u2018 als Bild <i>in<\/i> und <i>auf<\/i> einem Spiegel, sind die Konstituenzien der Raumarbeit Fluchten. Raymund Kaiser ist Maler. Das Bild ist Ausgangs- und perspektivischer Fluchtpunkt seines Schaffens. Aus der Grundidee von sich zu einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen f\u00fcgenden (Spiegel-)Bildtafeln, den bereits erw\u00e4hnten rechteckigen Paneelen im Hochformat, auf der Vorderseite mit Spiegelkarton bezogen und durch den K\u00fcnstler partiell mit matt-silbrigen Schraffuren versehen, entstand zun\u00e4chst 2013 die Wandarbeit #<i>reflect<\/i>. Durchaus zu recht bereits als \u201aInstallation\u2018 apostrophiert, handelt es sich doch im Wesentlichen noch um ein 60-teiliges, wandf\u00fcllendes Tafelbild. Schon ein Jahr sp\u00e4ter (2014) pr\u00e4sentiert Raymund Kaiser mit \u201aOpen Surface\u2018 eine entscheidende Weiterentwicklung seiner modularen Ausgangsidee. Diesmal werden die Spiegelelemente \u00fcbereck geh\u00e4ngt, die Arbeit tritt also aus der Fl\u00e4che in den Raum, aus der Wand- entsteht eine genuine Rauminstallation. Die wesentliche Distinktion besteht jedoch in der Tatsache, dass sich das Werk nun in sich selbst spiegelt: Es wird selbstreflexiv. Im Spiegelbild spiegelt sich das Spiegelbild des Spiegelbildes. Auf prinzipiell infiniten Sichtachsen reiht sich Bildraum an Bildraum, perspektivische <i>Fluchten<\/i> entstehen. Die R\u00e4ume, in denen sich Menschen bewegen, sind begrenzt; ihre Erfahrungen, ihr Wissen, sie selbst \u2013 all das ist begrenzt. Das Grenzenlose, die Unendlichkeit sind eigentlich nur abstrakte Ideen des Verstandes. Vielleicht ist die Gegen\u00fcberstellung von Spiegeln die einzige M\u00f6glichkeit, in einem begrenzten Raum die abstrakte Idee der Unendlichkeit sinnf\u00e4llig zu machen, sie sichtbar werden zu lassen. Dass dies Raymund Kaiser mit oder in Fluchten gelingt, ist wahrlich nichts Geringes. Von Bedeutung ist jedoch auch, dass der geschaffene Raum von \u201aSpiegelbildern\u2018, also Bildern auf Spiegeln, umgeben ist. Ein reines Spiegelkabinett, in dem man lediglich sich selbst betrachten w\u00fcrde, w\u00e4re solipsistisch. Das Begn\u00fcgen mit dem eigenen Spiegelbild zeugt von einem gro\u00dfen Ego bei gleichzeitig schwachem Charakter. Indem der K\u00fcnstler seine Spiegel bezeichnet, bemalt; erg\u00e4nzt und begrenzt er die Unendlichkeit. Erst durch Begrenzung entsteht Form. Das Unbegrenzte diffundiert in die Unendlichkeit, es ist \u00fcberall und nirgendwo, es ist alles und gerade deshalb nichts. Die monochrom-silbrigen Schraffuren geleiten durch ihre Umrisse, ihre Konturen, ihre Begrenzungen die Form in diesen Spiegelsaal sichtbarer Unendlichkeit.<\/p>\n<p>Ein Letztes brauchte es noch, um aus diesem Werk ein Gesamtkunstwerk entstehen zu lassen. Das gesprochene Wort, den Klang, Musik. Was immer auch Musik ist \u2013 und sie ist unsagbar vieles \u2013 sie ist immer sequenzielles Ereignis in der Zeit. Die Komposition von Stefan Thomas \u00f6ffnet somit den Bildraum auf die vierte Dimension: eben die Zeit. Die Zeit aber steht der Unendlichkeit spiegelverkehrt gegen\u00fcber. Die Zeit ist das Element in dem man existiert und schwebt, das Element dessen konstanter Str\u00f6mung man sich nicht widersetzen kann. Durch ihr Fortschreiten und ihre Wirkungen geh\u00f6rt die Zeit in jedem Augenblick der Erfahrung und Empfindung an, doch eine abstrakte Idee davon, was sie ist, die gibt es nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiegel.Flucht.Reflexion \u2014 Thomas Wallraff | Katalog GEGENLICHT, MAM Kunstverein, 2021 Ein auditives Spiegelkabinett \u2013 eine visuelle Echokammer. 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