{"id":533,"date":"2021-02-20T21:10:42","date_gmt":"2021-02-20T21:10:42","guid":{"rendered":"https:\/\/raymundkaiser.de\/wp\/?p=533"},"modified":"2021-04-23T11:35:56","modified_gmt":"2021-04-23T11:35:56","slug":"533-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/533-2\/","title":{"rendered":"Jens Peter Koerver in: Die Farbe hat mich, Positionen zur nicht-gegenst\u00e4ndl. Malerei, Michael Fehr (Hg.), 2000"},"content":{"rendered":"<p>Jens Peter Koerver in: <strong><span class=\"headblack\">Die Farbe hat mich<\/span><\/strong>, Positionen zur nicht-gegenst\u00e4ndlichen Malerei, Michael Fehr (Hg.), 2000 | <a href=\"https:\/\/raymundkaiser.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/farbehat.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Katalog<\/a><\/p>\n<p>\u201eIch versuche einen roten Farbton zu finden, den ich noch nicht gesehen habe, und alles weitere ergibt sich im Proze\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Ist es ein dunkles, verhaltenes Rot? Eher ein r\u00f6tliches Braun, Kakao \u00e4hnlich? K\u00fchl zudem durch eine leichte R\u00fcckung in tiefes Violett. Der Versuch, die Farbigkeit des Bildes BR-H3\/99 von Raymund Kaiser genau zu sehen und zu beschreiben reichert das nur provisorisch mit dem Farbnotnamen \u201eBraunrot\u201c Apostrophierte mit zus\u00e4tzlichen Schattierungen, weiteren dissidenten Nuancierungen an. Solches verunsichertes Benennen best\u00e4tigt das Bestreben des K\u00fcnstlers f\u00fcr jedes Bild einen neuen, gewisserma\u00dfen \u201eunbekannten\u201c, zumindest unvertrauten Farbton zu entwickeln. Kontrastiert wird die Uneindeutigkeit der widerstreitenden Farbeindr\u00fccke von der Klarheit des Bildaufbaues. Das 163,3 zu 103 cm messende Hochformat ist exakt h\u00e4lftig in zwei horizontale Fl\u00e4chen geteilt. Auf zwei hart gegeneinander gesetzte Zonen reduziert, konzentriert sich diese Arbeit wie das gesamte Schaffen Kaisers ganz auf Erscheinungsweisen von Farbe. Bereits eine erste Ann\u00e4herung an das Bild zeigt: \u201eEinfachheit der Form ist nicht unbedingt das gleiche wie Einfachheit der Erfahrung\u201c.<\/p>\n<p>In der oberen Bildh\u00e4lfte ist das Braunrot eine v\u00f6llig homogene, erhaben auf dem Bildgrund liegende Farbplatte. Schwer und massiv mutet sie an, dicht und stumpf bietet sie den Anblick einer fl\u00e4chig erstreckten, die eigene Stofflichkeit betonenden Farbwand. Obwohl die untere Bildh\u00e4lfte den Farbton der oberen Partie wiederholt, entfaltet sich der komplexe Braunton hier in ganz anderer Weise, als hochgl\u00e4nzende, sich doppelt verr\u00e4umlichende Fl\u00e4che. Zum einen zeigt sie ein deutliches, farbig get\u00f6ntes, abgedunkeltes Teilspiegelbild des Umraums, des vor der Malerei stehenden Betrachters \u2013 und macht so den Ort des Bildes, dessen Gesehen-Werden zu einem irritierenden Aspekt der Arbeit. \u2013 Zum anderen \u00fcberlagert dieses illusionistische, sich mit jeder Ver\u00e4nderung des Blickwinkels wandelnde Abbild die spezifische Farbr\u00e4umlichkeit des r\u00f6tlichen Brauns; sie resultiert unmittelbar aus dem Aufbau der Farbe in dieser Bildh\u00e4lfte.<\/p>\n<p>Zu ahnen sind die verschiedenen, am Zustandekommen der unteren Bildh\u00e4lfte beteiligten Farben. Sie scheinen schwach als Abweichungen, Varianten des dominierenden Braunrot auf, unterminieren das Eindeutige und wirken in dieser Partie des Bildes als latente Farbspannung. Deutlicher sind die unterschiedlichen, die Bildfarbe konstituierenden Einzelt\u00f6ne an der Schmalseite des Farbtr\u00e4gers in minimalen Spuren anlesbar. Das Braunrot der unteren, spiegelnden Bildh\u00e4lfte ist aus diversen Rott\u00f6nen \u2013 verschiedenen Magenta, Rubinlack, Echtrot Violett \u2013 und einer Lasur Chromoxyd Gr\u00fcn \u00fcber einer ersten englischroten Gouache-Untermalung aufgebaut. Kaiser verwendet f\u00fcr diese Farbfindung hochlasierende \u00d6lfarben, um durch die \u00dcberlagerung transparenter Einzelfarben allm\u00e4hlich zu seiner individuellen Farbigkeit zu gelangen. \u2013 Der farbige, sich dem Blick scheinbar \u00f6ffnende \u201eSpiegel\u201c liegt unterhalb der Augenh\u00f6he des Betrachters, dar\u00fcber befindet sich die den Einblick versperrende opake Bildh\u00e4lfte. Diese verschlie\u00dft, was die transparente Zone scheinbar \u00f6ffnet; ihr Aneinandersto\u00dfen ist dem Sehen ein Schnitt.<\/p>\n<p>Die obere Partie, nach Fertigstellung der Lasurmalerei mittels eines Rakels als feste, kompakte Farbe in einem Arbeitsgang aufgetragen, wiederholt so exakt wie m\u00f6glich die Farbigkeit ihres unteren Pendants; Kaiser selbst spricht Differenzen andeutend von einer \u201eKopie\u201c. Dieses alla prima gemalte Braunrot entstand als rekonstruierende Nachmischung der subjektiv gepr\u00e4gten Farbigkeit im unteren Bildfeld, die in einem l\u00e4ngeren, ganz von Neugier, Interesse und Empfinden des K\u00fcnstlers bestimmten Ann\u00e4herungsproze\u00df gewonnen wurde. Mit der Reprise entsteht, auch durch deren andersartige Genese und Materialit\u00e4t, ein objektivierendes, Distanz schaffendes Gegenst\u00fcck zur pers\u00f6nlich gepr\u00e4gten Farbfindung der Lasurmalerei.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich objektivierend ist die Ausrichtung der Formatproportionen des Bildes BR-H3\/99 \u2013 wie auch einiger anderer neuerer Arbeiten \u2013 am Goldenen Schnitt. Das Gesamtformat wird infolgedessen als stimmig und angenehm, zumindest nicht als auff\u00e4llig bemessen empfunden, wie auch seine Halbierung als einfache und klare L\u00f6sung unmittelbar nachvollziehbar ist. \u2013 \u00c4ltere Arbeiten weisen freie, manchmal extrem divergent proportionierte Fl\u00e4chenteilungen auf. Bei horizontaler Teilung stellten sich landschaftliche Assoziationen, bei vertikalen architektonische Vorstellungen von Wand und Raum\u00f6ffnung ein. \u2013 Die Entscheidung f\u00fcr das traditionelle Ma\u00dfsystem des Goldenen Schnitts und die mittige Teilung enthebt von \u00dcberlegungen zur Fl\u00e4chenponderation und schaltet andere Assoziationen zugunsten der Wahrnehmung der Farbe aus.<\/p>\n<p>Alle Arbeiten Raymund Kaisers sind in au\u00dferordentlich hohem Ma\u00df von den Bedingungen unter denen sie gesehen werden abh\u00e4ngig. Die Faktoren Licht, Umraum und Blickwinkel des Betrachters bestimmen wesentlich das jeweils sichtbare Bild. Jede einzelne der transparenten, \u00fcbereinander liegenden Schichten reagiert auf bestimmte Lichtwellen, entsprechend stark ver\u00e4nderlich ist die Farberscheinung der in Lasuren aufgebauten Partie. In Relation zu der in dieser Hinsicht stabileren oberen Bildh\u00e4lfte kann sich, bei entsprechenden Lichtverh\u00e4ltnissen, der Eindruck einer Aufspaltung der Bildfarbe in zwei nur entfernt verwandte Rotbraunt\u00f6ne einstellen. Ebenso erweist sich bei der Erprobung verschiedener Betrachterstandorte die Intensit\u00e4t der Spiegelung als wandelbar. Aus sehr spitzem Winkel kann sie sich v\u00f6llig verlieren und zur nahezu vollst\u00e4ndigen Gleichheit der beiden Bildpartien f\u00fchren.<\/p>\n<p>Aus der Gleichzeitigkeit von Identit\u00e4t \u2013 dem nahezu gleichen Farbton beider Bereiche \u2013 und Differenz \u2013 ihrer denkbar verschiedenen Farberscheinung \u2013 erw\u00e4chst eine stille, die Arbeit pr\u00e4gende Grundspannung. Das eigent\u00fcmliche, zwischen N\u00e4he und Ferne oszillierende Verh\u00e4ltnis der beiden Farbzonen verleitet zu einem sich zwischen Vergleich und Analyse einerseits und schweifender Schaulust andererseits bewegenden Wahrnehmen. Solches Sehen bemerkt Verschiedenheit und Verwandlungen des \u00c4hnlichen, so da\u00df Farbe in ihrem Zustandekommen, ihrer Materialit\u00e4t und Taktilit\u00e4t, ihrem Verhalten zu Licht und Umraum ein \u00fcberraschend breites Spektrum m\u00f6glicher Erscheinungsweisen entfaltet. Diese Vielfalt des Ph\u00e4nomens wie des Materials Farbe verwirklicht sich im beweglichen, mitvollziehenden Wahrnehmen des Bildes. Es entsteht sukzessiv als Summe seiner m\u00f6glichen Erscheinungsbilder.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">1 Raymund Kaiser im Gespr\u00e4ch mit dem Autor am 25.9.1997<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">2 Robert Morris, Anmerkungen \u00fcber Skulptur (1966-67), in: Gregor Stemmrich (Hrsg.), Minimal Art. Eine kritische Retrospektive, Basel, 1995, S.100.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jens Peter Koerver in: Die Farbe hat mich, Positionen zur nicht-gegenst\u00e4ndlichen Malerei, Michael Fehr (Hg.), 2000 | Katalog \u201eIch versuche [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"template-page-builder.php","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-533","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en","fr"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false},"fr":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/533","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=533"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/533\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1167,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/533\/revisions\/1167"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=533"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=533"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/raymundkaiser.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=533"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}